| Eva Tenzer 'Psychologie Heute', Februar 2005 Kollege Roboter, übernehmen Sie Tinnitus, Zwänge, Autismus: In allen drei Bereichen haben sich Computerprogramme und Roboter als hilfreiche Kotherapeuten erwiesen ...Rund 2 Prozent der Bevölkerung leiden an den verschiedensten Zwängen, gegen die eine Behandlung mit Medikamenten oft nur kurzfristig hilft. Das Mittel der Wahl ist in der Regel eine Verhaltenstherapie, mit der der Patient übt, seinen Zwängen zu widerstehen und die damit verbundene Angst auszuhalten. Was bei einer stationären Behandlung gut funktioniert, ist zu Hause ohne Therapeut oft kaum zu bewältigen, weil Patienten dort unkontrolliert ihren Zwängen nachgeben können. Christoph Wölk, Psychologischer Psychotherapeut an der Universität Osnabrück, hat deshalb zusammen mit dem Ingenieur Andreas Seebeck einen virtuellen Kotherapeuten namens Brainy entwickelt. Die Comicfigur übt mit dem Patienten ein Verhalten, das die krankhaften Muster verändern soll, sprich: Sie unterstützt Patienten bei ihren therapeutischen Hausaufgaben gegen den Zwang. PC und Patient trainieren gemeinsam. Eine der Übungen besteht zum Beispiel darin, dass sie zunächst eine Zeitspanne vereinbaren, die für die zwanghafte Handlung maximal zur Verfügung stehen soll. Beim Zwang etwa, ständig Kontrollgänge durchs Haus zu machen, wird der Gang auf zehn Minuten begrenzt. Nach Ablauf der Frist erinnert Brainy daran, die vereinbarte Spanne einzuhalten: "Die Zeit ist überschritten. Bitte beenden Sie, was Sie gerade tun und gehen Sie zum Computer." In einer Endlosschleife wiederholt er diese Aufforderung. Erst ein Tastendruck, der zeigt, dass der Rundgang beendet ist, bringt den hartnäckigen Mahner zum Schweigen. Prompt folgt ein Lob, allerdings nicht ohne den Hinweis, dass die vereinbarte Zeit überschritten wurde. Klappt es nach einiger Übung mit den zehn Minuten, kann der Patient den Rundgang auf acht Minuten verkürzen. So hilft Brainy, die Dauer der zwanghaften Handlung immer weiter zu reduzieren. Alle Reaktionszeiten werden gespeichert und sind später für Patient und Therapeut als Grafik abrufbar. Die ersten Erfahrungen mit diesem Programm sind positiv. Es fördert das Selbstmanagement bei denen, die Probleme im Selbststeuerungsvermögen haben. Und Christoph Wölk sieht einen weiteren Vorteil: die Zeitersparnis für den Behandler und damit einen Beitrag zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen. Denn Brainy könnte Therapeuten in Zukunft Aufgaben abnehmen, für die sie im Grunde zu teuer und zu gut ausgebildet sind: "Man muss keine diplomierten Fachleute dafür bezahlen, dass sie mit Patienten immer wieder Rundgänge durchs Haus machen oder sie vom ständigen Händewaschen abhalten. Eine therapeutische Ökonomie würde sichern, dass auch langwierige Therapien bezahlbar bleiben, weil die Technik einen Teil davon übernimmt." .
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